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„Trampeltiere helfen Schlaganfall-Patienten“

Im Juli 2008 veröffentlichte die Stiftung Deutsche
Schlaganfallhilfe
in ihrem Magazin einen Artikel über
das Therapeutische Kamelreiten.

Trampeltiere helfen Schlaganfall-Patienten Therapeutisches Kamelreiten hat sich bewährt

von Sibylle Reiter

Das Trampeltier gehört zur Familie der Großkamele. Das Lastentier wiegt zwischen 600 - 1000 kg und misst vom Boden bis zur Höckerspitze etwa 2,30 m. Der Höcker - das Trampeltier hat zwei davon - dienen als stille Reserve. Aus dem Fett in den Höckern zehren Kamele in Notzeiten. Gerade die Höcker spielen bei der Therapie mit Schlaganfall-Patienten eine wichtige Rolle.

Wozu denn therapeutisches Kamelreiten in unseren Breitengraden? - werden Sie sich beim Lesen dieser Zeilen fragen. Es gibt doch bei uns schon Hippotherapie, wozu brauchen wir Kamele? Aber gerade für Menschen mit Gleichgewichtsstörungen ist das Sitzen auf einem Kamel leichter als auf einem Pferd. Kamele verfügen über weiche Schwielensohlen, so dass ihr Gang keinerlei Erschütterungen hervorruft. Für einen Schlaganfall-Patienten, der nicht oder kaum laufen kann, ist der Ritt auf einem Kamel ein wunderbares Gefühl. Die Höcker, zwischen denen der Patient sitzt, verleihen ihm große Sicherheit. "Eine Therapiestunde wirkt sehr nachhaltig auf den ganzen Körper, sogar die Sprache kann deutlich verbessert werden" erklärt Therapeutin Jacqueline Majumder, die diese Therapie vor den Toren Berlins seit einiger Zeit mit großem Erfolg anbietet. Horst K. wird von seiner Therapeutin zum Kamel geführt. Sein Gang ist unsicher, er hat Gleichgewichtsstörungen, arbeitet beim Gehen zuviel aus dem Rücken heraus. Beim Tier angekommen, bekommt er eine Bürste zum Striegeln des Kamels. Das ist schon Teil der Therapie. Der Aufstieg (er steigt mit Hilfe der Therapeutin und eines Assistenten auf das liegende Kamel und hält sich dabei am Höcker fest) und das Erheben des Kamels ist eine sehr wertvolle Übung für das Anbahnen von Gleichgewicht und Koordination. Der Höcker fühlt sich weich und warm an und die taktilen Reize beim Streicheln des warmen, weichen Fells tragen dazu bei, die Spastiken des gelähmten Armes zu lösen "Ich fühle mich sehr sicher, sicherer als auf einem Pferd" sagt Horst K. Während des Ritts führt der Patient unter Einbeziehung des Höckers als "Übungsgerät" in der geschlossenen Muskelkette selektive Übungen der Arme durch und bewegt seinen Körper im Gangrhythmus des Kamels. Der Rhythmus des Laufens stimuliert beide Körperseiten und verhilft zur Körpersymmetrie, wobei die Höcker stets gute visuelle Orientierung und Sicherheit geben.

Aktivierung der Gehirnzellen

Das Wesen der zweihöckrigen Tiere ist sehr ruhig und gemächlich, ihr aufmerksamer Blick vermittelt den Patienten sofort Vertrauen. In Stresssituationen legen sich Kamele meist hin oder spucken. Sie neigen, im Unterschied zum Pferd, nicht zu Fluchtreaktionen. Das minimiert Unfallrisiken beträchtlich. "Die psychomotorische Wirkung Wirkung beim Zusammensein mit diesem großen sanften Wesen ist immens" sagt Therapeutin Majumder. Und Majumder sieht es dem Patienten genau an: Blickte er auf dem Weg zum Kamel noch sehr angestrengt, ist dies schon nach wenigen Minuten auf dem Kamel vergessen. Horst K. lacht, wirkt gelöst und entspannt. Beim Reiten auf dem Trampeltier gelten alle Wirkungsweisen der Hippotherapie: Rumpfaufrichtung/-kontrolle, selektive Beckenbewegungen, Anbahnen von Gleichgewichtsreaktionen, Verbesserung von Gleichgewicht und Koordination, Wahrnehmungsschulung, funktionelle Mobilisierung aller Gelenke, Atemtherapie, Kontrakturprophylaxe u.v.m. "Das Gehirn wird stark angeregt, es feuert sozusagen aus allen Regionen", so die Therapeutin. Nachhaltiger Therapieerfolg

Nicht zuletzt wird das Selbstwertgefühl des Patienten erheblich gestärkt, ebenso verbessern sich Motivation und Kontaktverhalten. Das Kamelreiten ermöglicht die funktionelle Verbindung aller Bewegungen mit sensorischer Information. Das permanente Fordern und Fördern der Gleichgewichtsreaktionen während des Ritts zeigt seine Wirkung sehr deutlich, sobald der Patient wieder festen Boden unter den Füßen hat: Horst K.s Gangbild ist deutlich verbessert! Die Therapeutin fasst zusammen: "Das therapeutische Kamelreiten hat sich als effektive, ganzheitliche und stark motivierende Methode gezeigt, die den Rehabilitationsverlauf sehr zum Wohle des Betroffenen gestalten hilft." Doch leider übernehmen die Krankenkassen diese Therapie noch nicht. Da neben der Therapeutin ein Assistent und ein Tierpfleger anwesend sein müssen und die Pflege der großen Tiere nicht billig ist, summieren sich die Kosten auf 115,00 Euro pro Therapieeinheit, die etwa 1 Stunde10 Min. beträgt. Doch der lang anhaltende Erfolg einer Therapiestunde überzeugt jeden Patienten. Derzeit nehmen diese Art der Therapie neun Patienten bei Jacqueline Majumder wahr. Ein Neurologe wird seine Doktorarbeit über therapeutisches Kamelreiten verfassen, um die Erfolge auch wissenschaftlich zu dokumentieren.


Patienten über die Therapie

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 Schlaganfall-Magazin Ausgabe 2/2008

Das Schlaganfall-Magazin kann bei der "Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe" bestellt werden.

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